Bloomsday

Der 16. Juni 1904 ist für den irischen Annoncenmakler Leopold Bloom ein ganz normaler Tag, an dem er seinen alltäglichen Verrichtungen und Geschäften in der irischen Hauptstadt Dublin nachgeht. Soweit eigentlich nichts besonderes, wenn dies nicht zugleich die Grundlage eines der bekanntesten Bücher des 20. Jahrhunderts darstellen würde. Um was es dabei geht und warum dieser Anlass als sogenannter Bloomsday einen festen Platz in der Sammlung der kuriosen Feiertage aus aller Welt verdient, versucht der vorliegende Beitrag zu erörtern.

Kuriose Feiertage - 16. Juni - Bloomsday - 1 (c) 2015 Sven Giese

Kuriose Feiertage – 16. Juni – Bloomsday – 1 (c) 2015 Sven Giese

Der weltweit einzige Feiertag für eine Romanfigur

Denn Bloom ist der fiktive Protagonist in Ulysses, dem im Jahre 1922 publizierten Hauptwerks des irischen Schriftstellers James Joyce (1882-1942), der hier in 18 Episoden minutiös die (häufig trivialen) Ereignisse und Begegnungen eines labyrinthischen Gangs durch Dublin beschreibt. Fans des Romans haben daher in Anlehnung an den Namen der Hauptfigur den heutigen 16. Juni zum Bloomsday erklärt. Passt also – ähnlich wie der Towel Day – Handtuchtag am 25. Mai – ganz wunderbar in die Kategorie: kuriose Welttage mit literarischem Bezug. 🙂 Um was geht es beim Bloomsday?

Obwohl der Bloomsday nach wie vor kein gesetzlicher Feiertag auf der Grünen Insel ist, wird er inzwischen in vielen irischen Kalendern aufgeführt. Insofern lässt sich mit Fug und Recht festhalten, dass dies weltweit tatsächlich der einzige kuriose Feiertag ist, der einer Romanfigur gewidmet ist.

Nun wissen wir zwar, dass die irische Nation ihre zahlreichen Schriftsteller und Autoren ehrt und achtet, aber ein wesentlicher Grund für die Popularität dieses Anlasses liegt in seiner touristischen Bedeutung für die Stadt Dublin, dem Schauplatz des Geschehens in Ulysses:

So finden nicht nur am 16. Juni selbst, sondern eigentlich das ganze Jahr hindurch geführte Touren durch die irische Metropole statt, Bronzeplaketten im Straßenbelag weisen auf die jeweiligen Orte des Romans hin und Dublin veranstaltete anlässlich des hundertsten Jahrestages des Bloomsday im Roman von April bis August 2004 zahlreiche Feierlichkeiten und Events unter dem Motto ReJoyce Dublin 2004.

Eine kurze Historie des Bloomsday

Streng genommen geht die die erste öffentliche Bloomsday-Feier auf James Joyce selbst und den 16. Juni 1929 zurück. Joyce hatte in der Nähe von Paris ein Hotel namens Leopold entdecket und neben seiner Familie auch seine Verlegerin Sylvia Beach sowie einige befreundete Schriftsteller zu einem déjeuner Ulysses geladen.

Offiziell wurde dieser kuriose Feiertag allerdings erst im Jahre 1954, in dem sich eine kleine Schriftsteller-Gruppe um Patrick Kavanagh, der Dichter John Ryan und Flann O’Brien zu einem Ausflug zum Martello-Turm nach Sandymount aufmachte, dem Ort, wo das erste Kapitel des Ulysses beginnt. Darf man diversen Berichten glauben, muss dieser Ausflug in einem ziemlichen Besäufnis geendet sein.

Wie man den Bloomsday angemessen feiert

Die Sache mit dem Alkohol spielt aber auch heute noch beim Bloomsday eine zentrale Rolle Schon in den frühen Morgenstunden des 16. Juni versammeln sich zahlreiche Blooms-Fans an den diversen Orten des Romans oder starten direkt in einem der zahlreichen Pubs in Dublin. Die klassische Variante zur Feier des Bloomsday sollte allerdings die folgenden Stationen enthalten:

  • Start in den Dubliner Eccles Street Nr. 7, Blooms Wohnhaus im Norden der Stadt (Anmerkung: Das Haus wurde inzwischen zwar abgerissen, die orginale Haustür findet sich allerdings im nur einige Häuser weiter gelegenen James-Joyce-Centre).
  • Ulysses-Lektüre am Joyce Tower (Sandycove).
  • Nehmen Sie ein Bad am Forty Foot (auch Sandycove).
  • Nach all der Aktion wird es Zeit für einen kleinen Snack. Passend zum Roman wird ein Gorgonzolabrot zusammen mit einem Glas Burgunder bei Davy Byrne’s in der Duke Street 21 (Nähe Grafton Street) zu sich genommen. Stilecht wird dieses Menü natürlich nur am heutigen Bloomsday Karte angeboten.
  • Frisch gestärkt geht es weiter auf der litarischen Tour durch Dublin. Nächster Halt: Sweny’s in Lincoln Place, wo ein Stück Zitronenseife für die Hosentasche gekauft wird. Bei dieser Gelegenheit sollte man dann auch gleich die Petition zum Erhalt des Gebäudes unterzeichnen.
  • Wieder Zeit zum Essen: Zum verspäteten Frühstück gibt es eine in Butter gebratene Schweineniere. Gemäß der Romanvorlage muss diese allerdings leicht angebrannt sein.
  • Vorletzte Station: Am Strand von Sandymount soll man sich unanständigen Dingen hingeben.
  • Endpunkt: Custom House an der Liffey.

Viele Fans zelebrieren diesen Tag, indem sie Kostüme aus König Edwards Zeiten tragen, die zumeist in dunklen Farben gehalten ist. Weiterhin tragen viele Männer zu diesem Anlass einen Qualitätshu – kein Rechtschreibfehler, sondern Leopold Bloom trägt im Roman tatsächlich einen Hu, weil das fehlende T der Aufschrift im Lederband schon abgerieben ist.

Auch das Singen von irischen Folksongs, die im Roman auftauchen, ist weit verbreitet. 2014 gab es für alle deutschen Fans noch ein ganz besonderes Highlight, denn SWR2 sendete von 8:00 Uhr morgens eine 22-stündige Hörspielfassung des Romans, die als Neubearbeitung des Stoffes sicherlich einen Standard setzen wird.

Und wer so gar nichts mit Joyce und/oder der irischen Literatur anfangen kann, für den/die gibt es heute alternativ ja auch den Tag des frischen Gemüse (engl. Fresh Veggies Day) oder den Captain-Picard-Tag (engl. Captain Picard Day).

In diesem Sinne: Euch allen einen tollen Bloomsday. 🙂

Weitere Informationen zum Bloomsday

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Autor: Sven Giese

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3 Kommentare

  1. Im irischen Städtchen Bruff, Co. Limerick, feiert man den Bloomsday seit einigen Jahren. Ebenfalls mit vielen schön kostümierten Leuten, mit entsprechendem Frühstück, Pubs, Bookmaker, vielen Lesungen, Liedern, Musik, Filmen… Die Stimmung war heute (2016) großartig, Besäufnisse habe ich allerdings nicht beobachtet!

  2. Waere vielleicht gut wenn ihr den Fehler mit dem hundertsten Jahrestag auf den richtigen fuenfzigsten Jahrestag korrigiert, dann hat der naechste Leser vielleicht nicht so einen haenger an diesem Absatz, wie ich ihn hatte. Hab den Absatz bestimmt zehnmal gelesen und erst später im folgendem Absatz erkannt, das ich nicht zu bloede, sondern der Autor einfach nur ein Fluechtigkeitsfehler machte( Kann passieren). Ansonsten ist es sehr gut erklaert.

    • Hallo Kai, danke für den Hinweis.

      Tatsächlich bezogen sich die Feierlichkeiten aber auf das im Buch genannte Jahr 1904, insofern ist die Sache mit den 100 Jahren schon korrekt. Ich habe es aber nochmals etwas deutlicher formuliert.

      VG
      Sven

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