Beginn der Rauhnächte am 24. Dezember

Der Zeit zwischen den Jahren kommt im Volksglauben und seinen Bräuchen seit jeher eine besondere Bedeutung zu. Lange Nächte, kurze Tage, Kälte und Dunkelheit. Dies ist die Zeit der Rauhnächte (alternativ auch: Raunächte bzw. Rauchnächte). Diese starten traditionell in der Nacht vom 24. Dezember auf den 25. Dezember und enden am 6. Januar. Grund genug, die Geschichte dieses Brauchtums und seiner besonderen Regeln auch im Kalender der kuriosen Feiertage aus aller Welt etwas näher zu betrachten. Worum geht es dabei?

Beginn der Rauhnächte am 24. Dezember. Kuriose Feiertage © 2021 Sven Giese - Bild 1
Beginn der Rauhnächte am 24. Dezember. Kuriose Feiertage © 2021 Sven Giese – Bild 1

Was sind die Rauhnächte?

Die Rauhnächte (oder auch: Raunächte bzw. Rauchnächte) sind im Volksglauben ein vage definierter Zeitraum zwischen der Wintersonnenwende am 21. Dezember bzw. ab dem 24. Dezember und dem 6. Januar. Mit dem Dreikönigstag endet diese Zwischenzeit und das neue Jahr kann sich endgültig entfalten. In allen Traditionen markieren sie eine Zeit zwischen den Jahren, die nach sehr eigenen Regeln mit Ver- und Geboten, Ritualen und einer Menge Aberglauben abläuft.

Wann sind die Rauhnächte?

Je nach Region und vorhandenen Quellen gibt es unterschiedliche Angaben zu Anzahl und Termin der Rauhnächte. So fallen sie in Schlesien auf die zwölf Nächte vor Weihnachten, in Franken hingegen auf die zwölf Nächte ab Heiligabend. Ihnen allen gemeinsam ist aber, dass sie im europäischen Brauchtum eine Reihe von Dezember-Nächten um den Jahreswechsel herum beschreiben (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten)

Die am meisten verbreitete Variante beschreibt der Zeitraum vom ersten Weihnachtstag am 25. Dezember bis zum Dreikönigstag am 6. Januar. Aus dieser Zeitspanne leitet sich auch die alternative Bezeichnung der zwölf Nächte bzw. Zwölf Weihnachtstage oder Zwölfte ab. Einige regionale Traditionen der Alpenregion zählen anders und kennen z.B. nur drei Rauhnächte oder beginnen mit dem Thomasnacht am 21. Dezember. In dieser Version enden die Rauhnächte dann am Neujahrstag am 1. Januar. Überregional gelten daher folgende Termine im Volksglauben als die wichtigsten Rauhnächte:

  • 20. auf 21. Dezember: Thomasnacht, als Termin der Wintersonnenwende zugleich auch der kürzeste Tag bzw. die längste Nacht des Jahres
  • 24. auf 25. Dezember: Heiliger Abend bzw. Christnacht
  • 31. Dezember auf 1. Januar: Silvesternacht (siehe dazu auch den Beitrag zu Silvester als letzter Tag des Jahres)
  • 5. auf 6. Januar: Dreikönigstag (Erscheinung des Herrn, in einigen Regionen aber vor allem auch der Tag der Frau Holle oder: das Ende der Rauhnächte)

Kalendarische Grundlagen der Zeit zwischen den Jahren

Die Rede von der Zeit „Zwischen den Jahren“ ergibt sich primär aus dem ursprünglichen Unterschied zwischen Sonnen- und Mondkalender. So ist das wesentlich ältere Mondjahr mit 354 Tagen elf Tage bzw. zwölf Nächte kürzer als das Sonnenjahr und diese Differenz gilt in vielen Traditionen als eine Zwischenzeit, in der besondere Regeln gelten (siehe dazu auch den Beitrag zu Silvester als letzten Tag des Jahres). Nicht umsonst heißen sie in vielen Regionen auch tote Tage, die als kalendarischer Einschub außerhalb der traditionellen Zeitrechnung des Mondkalenders stehen.

Wie sind die verschiedenen Termine der Rauhnächte entstanden?

Für die verschiedenen Termine des Beginns der Rauhnächte gibt eine Reihe von möglichen Erklärungen und Interpretationen. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, so Rainer Wehse, Volkskundler und Ethnologe von der LMU München in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks, dass viele Wurzeln dieses vermeintlich lange tradierten Brauchtums sich kaum durch Quellen belegen lassen (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten). Haben die Rauhnächte also germanische, keltische, römische oder christliche Ursprünge? So ganz klar ist die Sache nicht.

Eine inhaltliche Brücke lässt sich hier durch den Termin der Christnacht schlagen. Denn im frühen Christentum war die Geburt des Gottessohnes keineswegs so eindeutig, wie es die moderne Weihnachtstradition mit der Nacht vom 24. Dezember auf den 25. Dezember nahelegt. So existieren vor dem vierten Jahrhundert keine schriftlichen Quellen christlicher Autoren, die dieses Datum erwähnen (siehe dazu auch den Beitrag zum irischen Women’s Christmas (irisch: Nollaig na mBan – dt. Weihnachtsfest der Frauen) am 6. Januar). Wie ist dies nun zu deuten?

Hier gibt es wesentlich zwei Erklärungsansätze, die beide ins antike Rom führen. So geht die kirchenhistorische Quellenforschung inzwischen davon aus, dass der 25. Dezember zwischen 330 und 340 n.Chr. unter der Herrschaft Kaiser Konstantins eingeführt wurde. Als entscheidender Hinweis gilt hier das sogenannte Chronograph von 354, ein anonymes römisches Kalenderwerk, in dem sich neben einer Liste der Todestage römischen Märtyrer für den 25. Dezember auch der Hinweis auf Christi Geburt findet (lat. Natus Christus in Betleem Iudeae). Winrich Löhr, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg verweist hier darauf, dass dieses Schriftstück vor 336 n. Chr. in Rom entstanden sein muss und man bereits zu dieser Zeit den 25. Dezember als Geburtstermin von Jesus kannte bzw. feierte (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

Zur Beantwortung der einleitenden Frage hilft nun der Bezug zur Wintersonnenwende. Denn der römische Kalender kannte eine ganze Reihe heidnischer Feste und Feiertage. Darunter den 25. Dezember als Tag der Wintersonnenwende, dem heidnischen Fest der Geburt des Sonnengottes Sol Invictus (dt. sinngemäß: die durch die Finsternis der Winterzeit unbesiegbaren Sonne) als Sieg des Lichts über die Dunkelheit (siehe dazu auch den Beitrag zur Sommersonnenwende als längsten Tag des Jahres).

Winrich Löhr verweist hier darauf, dass diese Feier keineswegs ein sehr alter Brauch gewesen ist, sondern der Chronograph von 354 als erster schriftliche Quelle gelten muss. Ob hier Kaiser Konstantin beide Feste erfunden bzw. zusammengeführt hat, bleibe allerdings reine Spekulation (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

Vor diesem Hintergrund sind auch einige Zweifel an einer anderen Theorie über die Ursprünge der Rauhnächte angebracht. So entstand im 19. Jahrhundert die Lesart, dass die Rauhnächte aus einem vorchristlichen germanischen Sonnenwendfeste entstanden seien, das dann durch die christlichen Kirchen einverleibt bzw. umgedeutet wurde. Zwar ist ein solches Julfest historisch durch Kalenderstäbe mit Runenzeichen belegt, ob diese aber tatsächlich auf die Wintersonnenwende am 21. Dezember abzielten, bleibt spekulativ. Unterstrichen wird dies durch die Tatsache, dass die meisten Belege erst durch christliche Quellen entstanden und so ein historisch konkretes Bild dieser verschiedenen Feste bzw. Feierlichkeiten eher unscharf bleibt (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

So bemerkt wieder Rainer Wehse, dass die Traditionen rund um die Rauhnächte lediglich das Gefühl eines sehr alten Wissens vermittelten, das historisch aber eben nicht abgesichert bzw. belegt werden könne. Trotzdem seien die kurzen Tage und niedrigen Temperaturen des späten Dezembers lange bekannt, weshalb hier eine symbolische Spiegelung im Bereich des Möglichen liegt (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

Beginn der Rauhnächte am 24. Dezember. Kuriose Feiertage © 2021 Sven Giese - Bild 2
Beginn der Rauhnächte am 24. Dezember. Kuriose Feiertage © 2021 Sven Giese – Bild 2

Etymologie: Woher stammt der Begriff Rauhnacht?

Etymologisch ist der Begriff Rauhnacht umstritten. Dies ist zum einen durch die regional unterschiedlichen Schreibweisen bzw. Bezeichnungen, zum anderen aber auch durch die teils sehr lückenhafte Quellenlage. Einige Lesarten sehen in der zwölftägigen Dauer eine Referenz an die zwölf Monate des Jahres. Wahrscheinlicher sind aber zwei andere Herleitungen.

  • Der Begriff Rauhnacht stellt eine Referenz an den – nach wie vor praktizierten – Brauch des Ausräucherns zum Schutz vor bösen Geistern während dieser Zeitspanne dar. Dieses traditionelle Beräuchern der Ställe und Räume des Hofes durch einen Priester oder den Hofbauern selbst findet sich im Kontext der Rauhnächte bereits in Texten des frühen 16. Jahrhunderts. Dies erklärt auch auf die Rituale rund um das Nutzvieh.
  • Eine alternative Lesart, so der österreichische Kulturhistoriker und Philosoph Thomas Macho im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur, leitet sich sehr wahrscheinlich aus den alten germanischen Sprachen bzw. dem Mittelhochdeutschen ab. Vor allem das mittelhochdeutsche rûch (= haarig, pelzig oder fellartig) gilt in dieser Interpretation als Hinweis auf felltragenden Dämonen und Geisterwesen, die in den Nächten dieser Zeit ihr Unwesen treiben. Nicht umsonst spricht man in der modernen Kürschnerei auch heute noch bei Pelzwaren von Rauhware bzw. Rauchware (siehe dazu auch die Liste weiterführender Links unten sowie die anderen Beiträge aus dem Kalender der Grusel-Feiertage).

Welche Variante nun korrekt ist, bleibt Sache der Interpretation. Innerhalb der Forschung scheint man sich hier bis heute uneinig zu sein.

Mythologie und Brauchtum der Rauhnächte

Traditionell gelten die Rauhnächte als eine Zeit, die für Geisteraustreibung oder -beschwörung, den Schutzzauber gegen Unglück und anderen übersinnlichen Phänomenen. Daher auch die zahlreichen Regeln und Gebote, die für diese Zeit im Dezember einzuhalten sind.

Gerade der im Kontext der Raunächte häufig beschworene Schutz vor Geistern und Dämonen zeigt, dass diese Zeit zwischen den Jahren auch durch eine gewisse Durchlässigkeit der Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Geisterwelt geprägt ist. Nicht wenige Interpreten sehen hierin aber auch eine symbolische Auflehnung bzw. den Konflikt zwischen den tradierten Weltanschauungen der Naturreligionen und der Moderne (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten sowie die Beiträge zum chinesischen Geisterfest (chin. 中元节 – Zhōngyuán Jié) im Sommer und dem mexikanischen Tag der Toten (span. Día de los Muertos – alternativ auch: Día de Muertos oder: Día de los Difuntos) am 2. November).

Silvester, die Wilde Jagd und andere Geistergestalten

Zu Silvester als Mitte bzw. Höhepunkt der Zwölf Nächte bricht die Wilde Jagd aus dem Geisterreich auf und gewährt den Seelen der Verstorbenen, Geistern und Dämonen den Ausflug in die Welt der Lebenden (siehe dazu auch den Beitrag zur Tradition der Walpurgisnacht am 30. April).

Im Ostalpenraums wird dieser Geisterzug von Perchta bzw. Perchten angeführt (siehe dazu auch den thematisch verwandten Beitrag zum italienischen La Befana am 6. Januar). Sie wachen auch über die Einhaltung der Regeln und strafen bzw. belohnen. Kurzum, die Wilde Jagd zwingt die Menschen in ihre Häuser. Wehe dem, der schwere Arbeit verrichtet, die Wäsche macht oder den Haushalt nicht in Ordnung gebracht hat – die Perchta und die wilde Jagd strafen sofort (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten)

Regeln zur Ordnung und Vorsicht in den Rauhnächten

In vielen Regionen gelten die vier wichtigsten Rauhnächte als besonders gefährlich. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss mit schwerem Unglück oder Strafe durch die Wilde Jagd rechnen (siehe dazu auch den Beitrag zum in Deutschland begangenen Waldmännchentag am 2. Januar). Dementsprechend rigide sind die Regeln für diese Zeit zwischen den Jahren:

  • Fasten, Ruhe und Gebet sind das Gebot dieser Tage (siehe dazu auch den Beitrag zum US-amerikanischen Tag der Feiertags-Verschnaufpause (engl. Holiday Breather Day) am 28. Dezember).
  • Haus und Hof müssen in Ordnung gebracht werden.
  • Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Wäsche. So dürfen in diesen Nächten keine Wäscheleinen gespannt sein, da sich die Wilde Jagd hierin verfangen könnte. Alternative Auslegungen verbieten das Aufhängen weißer Wäsche, die sich im Laufe des Jahres zum Leichentuch für den Besitzer verwandeln oder untersagen den Frauen das Aufhängen weißer Unterwäsche, welche die Wilde Jagd anlocken soll. Gerade die Sache mit der Wäsche auf der Leine findet sich als Echo dieses Brauchtums in vielen Haushalten wieder. So verzichten viele Menschen auch heute noch darauf, zwischen Weihnachten und Neujahr auf das Wäschewaschen. Zwar ist der Bezug zu den Rauhnächten zwar nicht mehr explizit formuliert, jedoch gilt nicht abgehangene Wäsche als Unglücksbringer.
  • Frauen und Kinder dürfen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein im Freien aufhalten.
  • Karten- und Glücksspiel sind verboten (siehe dazu auch den Beitrag zum US-amerikanischen Tag des Kartenspiels (engl. National Card Playing Day) am 28. Dezember).

Vor diesem Hintergrund dienen die zwölf Tage zwischen den Jahren nicht nur zum Selbstschutz, sondern auch der Besinnung, Buße und Ruhe (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

In diesem Sinne, Euch allen einen ruhigen und entspannten Start in die Rauhnächte. Egal, wo auf der Welt Ihr diese Zeit zwischen den Jahren auch begeht.

Weitere Informationen und Quellen zum Beginn der Rauhnächte am 24. Dezember