Der 27. August 2026 steht in China unter unheimlichen Vorzeichen. Denn dieses flexible Datum begeht man im Reich der Mitte als das traditionelle Geisterfest (chin. 中元节 – Zhōngyuán Jié). Grund genug, diesem Anlass einen eigenen Beitrag im Kalender der kuriosen Feiertage aus aller Welt zu widmen und seine Geschichte mit den folgenden Zeilen etwas ausführlicher zu beleuchten. Worum geht es dabei?

Inhaltsverzeichnis
- Wer hat Zhōngyuán Jié ins Leben gerufen?
- Woher stammt der Name Zhōngyuán Jié?
- Welche Rolle spielt die Legende von Mulian?
- Wann feiern die Chinesen das traditionelle Geisterfest?
- Wie lässt sich das Datum des chinesischen Geisterfestes berechnen?
- Warum gilt der siebte Monat als Geistermonat?
- Traditionen: Wie feiert China das Fest der Geister?
- Wo wird das Fest der hungrigen Geister noch gefeiert?
- Weitere Informationen und Quellen zum Geisterfest in China
Wer hat Zhōngyuán Jié ins Leben gerufen?
Wie bei traditionellen Festen mit einer langen Geschichte üblich, gibt es auch für Zhōngyuán Jié keinen einzelnen Urheber oder Initiator. Vielmehr entstand das chinesische Geisterfest über viele Jahrhunderte aus einer Verbindung daoistischer, buddhistischer und volkstümlicher Traditionen des Ahnen- und Totengedenkens.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die buddhistische Ullambana-Tradition. Bereits im mittelalterlichen China entwickelte sich der siebte Mondmonat zu einer bedeutenden religiösen Festzeit, in der Gläubige Opfergaben darbrachten und für das Wohlergehen verstorbener Angehöriger beteten. Der Religionswissenschaftler Stephen F. Teiser beschreibt diese Entwicklung ausführlich in seinem Standardwerk The Ghost Festival in Medieval China.
Parallel dazu besitzt der 15. Tag des siebten Mondmonats eine eigene Bedeutung im Daoismus. Dort gehört er zu drei über das Jahr verteilten Yuan-Festen, die den drei göttlichen Amtsträgern von Himmel, Erde und Wasser zugeordnet sind. Der 15. Tag des siebten Monats gilt als Zhongyuan und ist dem Erdbeamten bzw. Diguan gewidmet, dem unter anderem die Vergebung von Verfehlungen zugeschrieben wird.
Im Laufe der chinesischen Geschichte verschmolzen diese religiösen Vorstellungen mit älteren Formen des Ahnengedenkens und regionalem Volksglauben. Entsprechend existiert bis heute keine überall identische Form des Geisterfestes.
Woher stammt der Name Zhōngyuán Jié?
Auch der chinesische Name des Festes verweist auf seine daoistischen Wurzeln. Zhōngyuán (中元) bezeichnet den mittleren der drei sogenannten Yuan-Termine. Diese fallen auf den 15. Tag des ersten, siebten und zehnten Mondmonats und sind mit den drei daoistischen Amtsträgern von Himmel, Erde und Wasser verbunden.
Der 15. Tag des ersten Monats entspricht Shangyuan, der 15. Tag des siebten Monats Zhongyuan und der 15. Tag des zehnten Monats Xiayuan. Zhongyuan ist dem Amtsträger der Erde zugeordnet, der in der religiösen Tradition mit Vergebung und Erlösung verbunden wird.
Daneben begegnet einem für das Fest häufig die Bezeichnung Fest der hungrigen Geister (engl. Hungry Ghost Festival). Sie verweist stärker auf die buddhistische Tradition und die Vorstellung sogenannter hungriger Geister, die aufgrund ihres Schicksals im Jenseits auf die Opfergaben der Lebenden angewiesen sind.
Welche Rolle spielt die Legende von Mulian?
Eine der bekanntesten buddhistischen Erzählungen zum Geisterfest handelt vom Buddha-Schüler Maudgalyayana, der in der chinesischen Überlieferung unter dem Namen Mulian (目連) bekannt wurde.
Der Legende zufolge entdeckt Mulian seine verstorbene Mutter leidend im Reich der hungrigen Geister. Seine Versuche, ihr unmittelbar Nahrung zukommen zu lassen, bleiben erfolglos. Schließlich bittet er Buddha um Rat und erfährt, dass er durch Opfergaben an die buddhistische Gemeinschaft zu ihrer Erlösung beitragen könne.
Die Geschichte verbindet das Geisterfest eng mit dem chinesischen Ideal der kindlichen Pietät und der Verpflichtung gegenüber verstorbenen Familienmitgliedern. Sie wurde über Jahrhunderte in religiösen Texten, Erzählungen und Theateraufführungen weitergegeben und gehört zu den zentralen buddhistischen Erklärungsmotiven des Festes.
Wann feiern die Chinesen das traditionelle Geisterfest?
Nach der gregorianischen Zeitrechnung besitzt Zhōngyuán Jié ein flexibles Datum. Das chinesische Geisterfest fällt immer auf den 15. Tag des siebten Monats im traditionellen chinesischen Kalender.
Da jeder chinesische Mondmonat mit einem Neumond beginnt, liegt dieser 15. Tag normalerweise in der Nähe des Vollmondes. Der kalendarische 15. Mondtag und der exakte astronomische Vollmond müssen allerdings nicht zwingend auf denselben bürgerlichen Kalendertag fallen. Im gregorianischen Kalender wandert das Geisterfest deshalb von Jahr zu Jahr durch den August und kann auch auf Anfang September fallen.
Somit stehen in den kommenden Jahren die folgenden Termine für das chinesische Fest der hungrigen Geister an:
| Jahr | Wochentag | Datum |
|---|---|---|
| 2026 | Donnerstag | 27. August |
| 2027 | Montag | 16. August |
| 2028 | Sonntag | 3. September |
| 2029 | Freitag | 24. August |
| 2030 | Dienstag | 13. August |
| 2031 | Montag | 1. September |
| 2032 | Freitag | 20. August |
| 2033 | Dienstag | 9. August |
| 2034 | Montag | 28. August |
| 2035 | Samstag | 18. August |
| 2036 | Freitag | 5. September |
Wie lässt sich das Datum des chinesischen Geisterfestes berechnen?
Eine einfache Umrechnungsformel vom gregorianischen Kalender in den traditionellen chinesischen Kalender gibt es nicht. Der chinesische Kalender ist ein lunisolarer Kalender, der sowohl die Mondphasen als auch den Lauf der Sonne berücksichtigt. Jeder Monat beginnt mit einem astronomischen Neumond; zusätzliche Schaltmonate sorgen dafür, dass Mond- und Sonnenjahr aufeinander abgestimmt bleiben.
Für das chinesische Geisterfest lässt sich die eigentliche Datumsregel dennoch relativ einfach ausdrücken:
Datum des Geisterfestes = erster Tag des siebten chinesischen Mondmonats + 14 Tage.
Da der erste Tag eines chinesischen Monats mit dem Neumond beginnt, liegt der 15. Tag normalerweise in der Nähe des Vollmonds. Der kalendarische 15. Mondtag und der exakte astronomische Vollmond müssen allerdings nicht zwingend auf denselben bürgerlichen Kalendertag fallen.
Komplizierter ist die Bestimmung des ersten Tages des siebten Mondmonats. Welcher Neumond diesen Monat eröffnet, ergibt sich aus den astronomischen Regeln des chinesischen Kalenders und der Einordnung möglicher Schaltmonate. Eine feste Umrechnung nach dem Muster „gregorianisches Datum + X Tage“ funktioniert daher nicht. Für die praktische Bestimmung des Termins bieten sich entsprechende Umrechnungstabellen an. Das Hong Kong Observatory stellt etwa Tabellen für die Jahre 1901 bis 2100 zur Verfügung.

Warum gilt der siebte Monat als Geistermonat?
Die chinesische Tradition bezeichnet den siebten Monat ihres Mondkalenders auch als sogenannten Geistermonat (chin. 鬼月 – guǐyuè). Nach volkstümlicher Vorstellung wird während dieser Zeit die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten durchlässiger. Verstorbene Vorfahren und umherwandernde Geister können die Welt der Menschen besuchen.
Der eigentliche Festtag am 15. Tag bildet daher nur den Höhepunkt einer wesentlich längeren Periode. Regional beginnen die Zeremonien bereits am Anfang des siebten Mondmonats und enden erst mit dessen Abschluss.
Besonders anschaulich zeigt dies das Zhongyuan-Festival in der taiwanesischen Hafenstadt Keelu
Traditionen: Wie feiert China das Fest der Geister?
Im Zentrum des Geisterfestes stehen das Gedenken an verstorbene Angehörige und die Versorgung bzw. Besänftigung der Geister. Dabei wird traditionell zwischen den eigenen Vorfahren und umherwandernden Seelen unterschieden, die niemanden mehr besitzen, der für sie Opfergaben bereitstellt.
Entsprechend gehören verschiedene Rituale zum chinesischen Geistermonat und seinem Höhepunkt am 15. Tag:
- Familien stellen Speisen und Getränke als Opfergaben für verstorbene Angehörige und andere Geister bereit.
- Räucherstäbchen und sogenanntes Totengeld bzw. Joss Paper werden verbrannt. Die symbolischen Güter sollen den Verstorbenen im Jenseits zur Verfügung stehen.
- Regional lässt man Laternen oder Papierboote auf dem Wasser treiben. Sie sollen den Geistern den Weg weisen.
- Religiöse Zeremonien dienen dem Gedenken an die Ahnen und der Besänftigung umherwandernder Geister.
- In verschiedenen Regionen gehören auch chinesische Opern, Theateraufführungen und andere öffentliche Darbietungen zum Festprogramm.
Das Geisterfest besitzt damit eine unheimliche Seite. Im Mittelpunkt stehen jedoch weniger spielerischer Grusel oder Verkleidung als Respekt vor den Verstorbenen, familiäre Verpflichtung und der Wunsch nach einem harmonischen Verhältnis zwischen den Lebenden und der Geisterwelt.
Gelegentlich findet man für Zhōngyuán Jié deshalb auch die westliche Bezeichnung „Chinese Halloween“. Diese Analogie greift kulturell zu kurz. Halloween entwickelte sich aus anderen historischen und religiösen Traditionen; Kostüme, Süßigkeiten und spielerisches Erschrecken gehören nicht zu den charakteristischen Elementen des traditionellen Zhongyuan-Festes.
Wo wird das Fest der hungrigen Geister noch gefeiert?
Die Traditionen des siebten Mondmonats beschränken sich nicht auf die Volksrepublik China. Verwandte Feste und regionale Varianten finden sich in zahlreichen Teilen Ost- und Südostasiens sowie in chinesischen Diasporagemeinschaften.
Yu Lan Ghost Festival in Hongkong
In Hongkong ist das Fest primär unter der Bezeichnung Yu Lan Festival bekannt. Je nach Gemeinschaft unterscheiden sich Termine und Rituale. Typisch sind Opfergaben für Vorfahren und umherwandernde Geister, Räucherwerk, das Verbrennen von Papiergaben, religiöse Zeremonien und chinesische Opernaufführungen.
Das Yu Lan Ghost Festival der Chiu-Chow-Gemeinschaft wurde 2011 sogar in Chinas nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Zhongyuan Ghost Festival in Taiwan
Eine der bekanntesten regionalen Ausprägungen findet im taiwanesischen Keelung statt. Das dortige Zhongyuan Ghost Festival reicht in seiner heutigen Form bis in die Qing-Dynastie zurück und entwickelte sich auch zu einem wichtigen Gemeinschaftsfest der örtlichen Familienverbände.
Zum Programm gehören unter anderem Prozessionen, religiöse Zeremonien und das Aussetzen von Wasserlaternen. Das Fest wurde als bedeutender Volksbrauch in Taiwans nationales Kulturerbe aufgenommen.
Por Tor Festival in Thailand
Auch auf der thailändischen Insel Phuket existiert mit dem Por Tor Festival eine Hungry-Ghost-Tradition der chinesischstämmigen Bevölkerung. Charakteristisch sind dort unter anderem rote, schildkrötenförmige Kuchen als Opfergaben. Die Schildkröte steht dabei für Langlebigkeit und Glück.
Für 2026 führt die thailändische Tourismusbehörde das Por Tor Festival auf Phuket vom 19. August bis zum 6. September.
Obon in Japan
Ein eng verwandtes Fest findet sich auch in Japan mit Obon bzw. O-Bon. Die buddhistischen Wurzeln und die Vorstellung von zurückkehrenden verstorbenen Familienmitgliedern weisen deutliche Parallelen zur chinesischen Ullambana- und Geisterfesttradition auf.
Der heute verbreitetste Obon-Termin liegt in Japan zwischen dem 13. und 16. August, wobei regional auch andere Termine existieren. Nach Angaben der Japan National Tourism Organization kehren der Tradition zufolge während dieser Tage die Geister verstorbener Familienmitglieder zu ihren Angehörigen zurück.
Damit ist die frühere pauschale Gleichsetzung von Obon mit dem 15. Juli zu kurz gegriffen.
In diesem Sinne: Euch allen ein tolles Geisterfest.
Egal, ob in China, Thailand, Deutschland oder sonst wo auf der Welt.
Weitere Informationen und Quellen zum Geisterfest in China
- Das Webportal anydayguide.com über Zhōngyuán Jié (englisch)
- Georg Milz: 5. September: Zhongyuan Jie – Chinesisches Geisterfest – br.de am 4. April 2017 (deutsch)
- Wikipedia-Eintrag zum Geisterfest in China mit einigen weiterführenden Quellen (deutsch/mehrsprachig)
- Hong Kong Observatory: Gregorian-Lunar Calendar Conversion Table – Umrechnungstabellen zwischen gregorianischem und chinesischem Kalender für 1901 bis 2100 (englisch/mehrsprachig)
- Hong Kong Observatory: The Chinese Agricultural Calendar Explained – Erläuterungen zum Aufbau des chinesischen Lunisolarkalenders, zu Neumond, Mondmonaten und Schaltmonaten (englisch/mehrsprachig)
- NASA Eclipse Web Site: Calendars and their History – Hintergrundinformationen zu den astronomischen Grundlagen und Regeln des chinesischen Kalenders (englisch)
- Stephen F. Teiser: The Ghost Festival in Medieval China. Princeton University Press, 1988 (englisch)
- Selina Ching Chan: Unequal Inscriptions of the Hungry Ghosts (Yulan) Festival Celebrations as Intangible Cultural Heritage in Hong Kong. China Perspectives 132, 2023, S. 49–59 (englisch)
- Taiwan Ministry of the Interior: Keelung Zhongyuan Ghost Festival – Hintergründe, Geschichte und Ablauf des Geisterfestes in Keelung (englisch/mehrsprachig)
- Hong Kong Government: Informationen zum Yu Lan Ghost Festival der Chiu-Chow-Gemeinschaft und dessen Aufnahme in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes als PDF-Datei (englisch)
- Hong Kong Public Libraries: Festivals & Customs in Hong Kong – Hintergrundinformationen zu traditionellen Festen einschließlich Yu Lan (englisch/mehrsprachig)
- Japan National Tourism Organization: Informationen zu Obon und den japanischen Traditionen des Ahnengedenkens im August (deutsch/mehrsprachig)
- Phuket Provincial Government: Hintergrundinformationen zum Por Tor bzw. Hungry Ghost Festival auf Phuket (englisch)