Fernweh-Tag am 9. Juli – Call of the Horizon Day in den Vereinigten Staaten

Am 9. Juli ruft der Horizont. Denn dieses Datum feiern die USA als Fernweh-Tag (engl. Call of the Horizon Day – eher selten: National Call of the Horizon Day). Was es mit diesem Ehrentag des Reisefiebers im Detail auf sich hat und weshalb das Fernweh nicht zwingend etwas mit in die Ferne schweifen zu tun hat, beleuchten die folgenden Zeilen des Kalenders der kuriosen Feiertage aus aller Welt. Worum geht es dabei?

Call of the Horizon Day - Fernweh-Tag in den USA. Kuriose Feiertage - 9. Juli © 2020 Sven Giese - Bild 1
Call of the Horizon Day – Fernweh-Tag in den USA. Kuriose Feiertage – 9. Juli © 2020 Sven Giese – Bild 1

Versuch einer begrifflichen Definition: Was ist Fernweh?

Passend zum Call of the Horizon Day darf natürlich auch der Versuch einer begrifflichen Definition des gefeierten Gefühls nicht fehlen. Kurzum, was ist überhaupt Fernweh?

Fürst von Pückler-Muskau und die erste schriftliche Erwähnung des Fernwehs

Beginnen wir mit einem historischen Exkurs. Tatsächlich handelt es sich beim Fernweh um einen relativ neuen Begriff, der erst im 19. Jahrhundert auftaucht. Sprich, während die deutschen Klassiker lediglich das Heimweh kannten, dauerte er bis zu den Reiseerzählungen von Hermann Ludwig Heinrich Graf von Pückler-Muskau (1785 – 1871), besser bekannt als Fürst von Pückler-Muskau, der zugleich auch Namensgeber der Eis-Kombination Schokolade, Erdbeere und Vanille ist, und den Begriff hier erstmals im Jahre 1835 benutzte. Bis auf die explizite Nennung war das beschriebene Phänomen allerdings keine genuine Erfindung von Pückler-Muskau; denn bereits 1822 hatte Goethe ein Fluchtgefühl beschrieben, das er als eine umgekehrte Form des Heimwehs bzw. Sehnsucht ins Weite definierte (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

Alltagsflucht: Fernweh als Sehnsucht und Sinnkrise

Vor diesem Hintergrund mein Fernweh also eine Form der Sehnsucht im Sinne einer Alltagsflucht, die in einer Unzufriedenheit mit der jeweils gegenwärtigen Situation und einer empfundenen Enge bzw. Einschränkung gründet. Sozusagen eine Art Sinnkrise, die nur durch den Perspektivenwechsel in die Ferne bzw. Weite lösbar erscheint. Eine treffende Beschreibung findet sich in Herman Melvilles monumentalem Klassiker Moby Dick, in dessen einleitenden Passagen des ersten Kapitels der Protagonist Ismael davon berichtet:

„Vor einigen Jahren (…) kam mir der Gedanke, ich könnte ein bisschen zur See fahren und mir den wässrigen Teil der Welt besehen. Das ist so meine Art, den Trübsinn zu verjagen und die Säfte wieder in Fluß zu bringen. Immer wenn ich merke, daß ich grämliche Falten um den Mund bekomme, immer wenn müder, nieselnder November meine Seele erfüllt, (…) – dann halte ich’s für die allerhöchste Zeit, zur See zu gehen, und zwar sofort. Das ersetzt mir den Pistolenschuß.“

(Quelle: Herman Melville: Moby Dick. Übertragen von Alice und Hans Seiffert. Insel Verlag. Frankfurt a.M. und Leipzig 1977, Seite 27)

Sehnsucht vs. Werbeversprechen: die unscharfe Begriffsverwendung des Fernwehs im Tourismus

Den meisten Leuten dürften diese Ursprünge des Fernweh-Begriffs kaum bekannt sein. Zumal dessen Befriedigung bzw. Linderung mit dem Aufkommen des Massentourismus zum fundamentalen Werbeversprechen der Reisebranche ausgebaut wurde (siehe dazu auch den Beitrag zum Welttourismustag (engl. World Tourism Day) am 27. September).

Schaut man sich die Hintergründe bzw. ursprüngliche Bedeutung aber etwas näher an, so fällt schnell auf, dass dies eine eher unscharfe Verwendung des Begriffs darstellt. Denn Fernweh ist nicht zwingend an Reisen bzw. Urlaub gekoppelt, sondern beschreibt vielmehr die Sehnsucht nach einer in der Regel imaginären Alltagsflucht. Nicht wenige Literaturwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch vom Fernweh als eine Kulturtechnik des Daheimbleibens (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten sowie den Beitrag zum US-amerikanischen The Grass is Always Browner on the Other Side of the Fence Day (dt. sinngemäß: Anderswo-ist-auch-scheiße-Tag) am 30. März).

Wer hat den Call of the Horizon ins Leben gerufen?

Wie bei so vielen anderen kuriosen Feier- und Aktionstagen aus Vereinigten Staaten gilt leider auch im Falle des Call of the Horizon Day, dass kaum etwas über seine Hintergründe bzw. Ursprünge bekannt ist. So konnte ich im Zuge der Recherchen für den vorliegenden Beitrag weder einen möglichen Initiator noch das genaue Gründungsjahr herausfinden.

Zumindest mit Blick auf den zweiten Aspekt gibt es aber einen Anhaltspunkt. So verweisen die Kollegen der Facebook-Seite Holidays That Might Get Overlooked in einem Beitrag vom 9. Juli 2020 darauf, dass dieser Anlass in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert und dementsprechend auf das Jahr 2011 zurückgeht (siehe dazu auch die Liste der weiterführenden Links unten).

Call of the Horizon Day - Fernweh-Tag in den USA. Kuriose Feiertage - 9. Juli © 2020 Sven Giese - Bild 2
Call of the Horizon Day – Fernweh-Tag in den USA. Kuriose Feiertage – 9. Juli © 2020 Sven Giese – Bild 2

Weshalb fällt der US-amerikanische Fernweh-Tag auf den 9. Juli?

Die zuvor skizzierte Unklarheit setzt sich dann auch mit Blick auf das gewählte Datum fort. Denn weshalb sich die unbekannten Initiatoren ausgerechnet den 9. Juli für den US-amerikanischen Fernweh-Tag ausgesucht haben, scheint nicht näher begründet. Immerhin lässt sich aber festhalten, dass dieser Termin in den meisten Ländern in die Ferienzeit des Sommers fällt. Durchaus eine passende Zeit, neue Horizonte zu erkunden.

Ob es darüber hinaus allerdings eine inhaltliche Verbindung zum ebenfalls am 9. Juli in den USA begangenen Tag des Rock’n’Roll (engl. National Rock’n’Roll Day), dem Nicht-alle-Eier-fürs-Omelett-Tag (engl. National Don’t Put all your Eggs in One Omelet Day) oder dem Tag der Zuckerplätzchen (engl. National Sugar Cookie Day) gibt, ist nicht überliefert.

Ziele und Intention: Worum geht es beim Call of the Horizon Day?

Der Name ist hier natürlich Programm. Denn am 9. Juli dreht sich alles um den Drang, in die Ferne zu reisen. Der Blick über ein offenes Feld, die Weite des Meeres oder Blick von einem Berg auf die umliegende Landschaft – der Mensch spürt die Besonderheit jenes Punktes, an dem – nicht nur symbolisch – Himmel und Erde aufeinander treffen. Es ist ein Blick ins Unbekannte. Für manche ein Sehnsuchtsort, für andere ein schrecklicher Albtraum. Nicht umsonst sprach der leider etwas in Vergessenheit geratene deutsche Philosoph Karl Jaspers (1893 – 1969) von der Weite des offenen Horizontes in der Erinnerung an seine Kindheit in Oldenburg:

„Nichts als Himmel, Horizont und ein Ort, wo ich stehe. Der Himmel offen nach allen Seiten.“

(Quelle: Karl Jaspers: Schicksal und Wille, autobiographische Schriften. Hrsg. von Hans Saner; R. Piper & Co Verlag, München 1967, Seite 16)

Dementsprechend sollte man den Fernweh-Tag auch dazu nutzen, sich auf die Spur dieser Offenheit und Weite zu begeben und seine Gedanken beim Blick in die Ferne festhalten. Kurzum, aufschreiben, wozu der Horizont zu rufen scheint. Vielleicht entsteht daraus ein großartiger Plan, zumindest dürfte man aber auf ein paar neue Gedanken kommen.

In diesem Sinne: Euch allen einen entspannten Call of the Horizon Day. Egal ob in den Vereinigten Staaten, in Deutschland oder sonst wo auf der Welt. :)

Weitere Informationen und Quellen zum US-amerikanischen Fernweh-Tag am 9. Juli