Tag der Saudade – der Dia da Saudade in Brasilien

Trotz aller Fähigkeit zum Optimismus tendiert der Mensch immer wieder zur Melancholie. Eine besondere Form dieses Weltschmerzes kennt die portugiesische Tradition unter dem Begriff der Saudade (dt. Sehnsucht). Passend dazu feiert man in Brasilien dieses Gefühl am 30. Januar mit einem eigenem Ehrentag, dem Dia da Saudade (dt. Tag der Saudade oder wörtlich: Tag der Sehnsucht). Grund genug, diesen Anlass mit einem eigenen Beitrag in der Sammlung der kuriosen Feiertage aus aller Welt zu würdigen und seine Geschichte mit den folgenden Zeilen etwas näher zu beleuchten.

Dia da Saudade - Tag der Saudad in Brasilien. Kuriose Feiertage - 30 Januar © 2018 Sven Giese
Dia da Saudade – Tag der Saudad in Brasilien. Kuriose Feiertage – 30 Januar © 2018 Sven Giese

Was ist überhaupt Saudade? Versuch einer begrifflichen Annäherung

Saudade ist einer jener, beinahe idiomatischer Begriffe, deren volle Tragweite und Bedeutung sich nur bedingt in andere Sprachen übersetzen lassen.

Sprachwissenschaftler gehen heute davon aus, dass sich der Begriff auf die verheerende Niederlage der Portugiesen in der Schlacht von Alcácer-Quibir gegen die Mauren bezieht. Dieses historische Ereignis vom 4. August 1578 gilt unter Historikern als Beginn vom Ende des portugiesischen Weltreichs, welches in der Folge das spezielle Gefühl nationaler Wehmut hervorgebracht habe.

Wesentlich beschreibt die Saudade aber eine Form von melancholischem Weltschmerz, die ein vages, zugleich auch beständiges Verlangen nach etwas oder einem geliebten Verlorenem, das es in dieser Form niemals mehr geben wird bzw. dessen Existenz in höchstem Maße unwahrscheinlich ist.

Kurzum, großes Gefühlskino, das man im Deutschen wohl am ehesten als Wehmut, Sehnsucht, aber auch Fernweh bezeichnen würde. Wobei die emotionale Konnotation eben nicht nur negativ ist, sondern eben auch ein sehnendes Hoffen impliziert, das zugleich immer individuell bleibt. Die eine Saudade gibt es eben nicht.

Vor diesem Hintergrund wird dann auch die zentrale Rolle des Begriffs in Kunst, Literatur und Musik. Denn etwas oder jemanden zu vermissen, scheint eine starke kreative Triebkraft zu sein.

Wer hat den brasilianischen Dia da Saudade ins Leben gerufen?

Trotz der zentralen und viel besungenen Bedeutung der Saudade im portugiesischen Sprachraum scheinen die Ursprünge des Dia da Saudade in Brasilien nicht sonderlich gut dokumentiert zu sein. Eigentlich eher ungewöhnlich oder mein Portugiesisch ist nicht genug genug, um die vorhandenen Quellen entsprechend zu verstehen (siehe dazu auch die Liste weiterführender Links unten).

So konnte ich im Zuge der Recherchen für den vorliegenden Beitrag weder einen konkreten Urheber noch das genaue Gründungsjahr dieses Sehnsuchtstages herausfinden. Ich vermute allerdings, dass es hier eine Verbindung zur Musik gibt.

Warum fällt der brasilianische Ehrentag der Saudade auf den 30. Januar?

Das konkrete Verdachtsmoment bezieht sich im vorliegenden Fall auf die Veröffentlichung des Albums Chega de Saudade des Gitarristen und Sängers João Gilberto im Jahre 1959. Der gleichnamige Titel, der von Antônio Carlos Jobim komponiert und Vinícius de Moraes getextet wurde, gilt als genrebildendes Stück des Bossa Nova und ist unter dem englischen Namen No More Blue auch weltweit bekannt geworden (siehe dazu auch die Liste weiterführender Links unten).

Nimmt man die Popularität des Stückes bzw. des Albums in Brasilien als Grundlage, so scheint dies naheliegend. Da keiner der drei genannten Musiker aber einen Bezug zum heutigen 30. Januar aufweist, könnte das Veröffentlichungsdatum der Platte eine Option sein. Trotz gründlicher Recherchen fehlt hier aber noch eine finale Begründung und insofern ist dies ausdrücklich als Spekulation meinerseits zu verstehen. Da bleibe ich aber dran.

Ob es darüber hinaus eine Verbindung zum ebenfalls heute gefeierten Inane Answering Message Day (dt. Tag der sinnlosen Anrufbeantworter-Nachrichten), dem Tag des Nachbarschafts-Jodelns (engl. Yodel for Your Neighbors Day) oder dem Tag des Croissants (engl. National Croissant Day) scheint es – bis auf Datum – jedenfalls keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten zu geben. Dies gilt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch für den US-amerikanischen  Tag der Alltagsflucht (engl. National Escape Day) gibt, kann an dieser Stelle aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.

In diesem Sinne: Euch allen einen bewegenden Dia da Saudade. Egal ob in Brasilien, in Deutschland oder sonst wo auf der Welt.

Weitere Informationen und Quellen zum brasilianischen Tag der Sehnsucht